Keynesian Beauty Contest – Eure Auswertung
Was eure Zahlen über strategisches Denken verraten
Über zwei Tage hinweg habt ihr bei den CampusDays und dem Streetfood-Festival am 10. und 11. Juni 2026 je eine Zahl abgegeben, mit dem Ziel, möglichst nah an zwei Drittel des Durchschnitts aller gewählten Zahlen zu landen. Insgesamt sind 82 Tipps zusammengekommen.
Das Ergebnis: Der Mittelwert lag bei 83,81, der entscheidende Zielwert (zwei Drittel davon) bei 55,87. Wer also die 55 oder 56 getippt hat, lag goldrichtig. Tatsächlich war 55 auch die zweithäufigste Zahl. Vier Mitspielende haben diese Zahl getippt (56 kam nicht vor), daher hat das Los über die ersten drei Plätze entschieden. Die Gewinner*innen benachrichtigen wir separat.
Die Verteilung der Zahlen
Die Tipps reichten von 1 bis 187 und streuten breit über das gesamte Feld. Auffällig oft fiel die Wahl auf die 67 (fünfmal) – und das ist kein Zufall: 67 entspricht fast genau zwei Dritteln von 100. Wer so dachte, ging davon aus, dass das Feld im Schnitt „in der Mitte“ landet, und zog einmal den strategischen Schritt ab.
Histogramm: eine breite, rechtsschiefe Verteilung. Der Schwerpunkt liegt rund um den Zielwert (grün), während ein langer Ausläufer hoher Zahlen den Mittelwert (rot) nach oben zieht.
Die Summenkurve macht denselben Punkt anschaulich: Nur 26 der 82 Tipps (31,7 %) lagen unter dem Zielwert von 55,87. Die übrigen gut zwei Drittel setzten höher. Am dichtesten dran waren die vier Tipps auf der 55, mit nur 0,87 Abstand zum Ziel.
ECDF (Summenkurve): Am Zielwert (grün) sind 31,7 % der Tipps erreicht (26 von 82), am Mittelwert (rot) 58,5 % (48 von 82).
Bei der Schreibweise zeigte sich Spiellaune: Von den 82 Tipps waren 72 ganze Zahlen, während 10 Teilnehmende Dezimalzahlen wählten (etwa 45,12345 oder 69,69). Ein Hinweis auf Feintuning oder den Versuch, sich knapp von den runden Zahlen der anderen abzusetzen.
Genauso aufschlussreich sind die höheren Tipps. Eine große Zahl ist dabei keineswegs „unstrategisch“: Wer höher setzte, hat womöglich einkalkuliert, dass andere einkalkulieren, dass wiederum andere einkalkulieren … und dass dieses gegenseitige Mitdenken in einer realen, gemischten Gruppe eben nicht bei null endet, sondern irgendwo dazwischen hängenbleibt. Wer das Feld so einschätzte, lag mit einem tatsächlichen Durchschnitt von fast 84 erstaunlich nah an der Realität.
Die Abweichung von der „perfekten“ Null
Spieltheoretisch ist die einzige vollständig rationale Lösung die 0: Wären alle perfekt rational und wüssten das voneinander, würde jede Schätzung Runde um Runde gegen null schrumpfen. Tatsächlich landeten wir bei 55,87, somit fast 56 Punkte darüber.
Das Spannende daran: Wer konsequent bis zur 0 durchdachte, hätte verloren. Genau hier zeigt sich die zentrale Einsicht: es reicht nicht, selbst rational zu sein; man muss richtig einschätzen, wie weit die anderen mitdenken. Zu viel Tiefe kann genauso danebenliegen wie zu wenig.
Tag 1 vs. Tag 2
Am ersten Tag (44 Tipps) lag der Durchschnitt bei 89,1, am zweiten (38 Tipps) bei 77,7. Ein leichter Rückgang. Verlockend wäre die Geschichte, dass sich über Nacht „herumgesprochen“ hätte, tiefer zu denken. Die Statistik gibt das aber nicht her.
Verteilung je Tag (Boxplot): Die mittleren 50 % der Tipps (Box) und die Mediane überlappen sich fast vollständig. Beide Tage ähneln sich stark.
Der Unterschied ist nicht signifikant (Welch-t-Test p = 0,27; Mann-Whitney p = 0,42) und der Effekt nur klein. Auch im zeitlichen Verlauf lässt sich kein Lerneffekt erkennen: Die Zahlen schwanken durchgehend, ohne sich im Lauf einer Sitzung „einzupendeln“.
Streuung innerhalb des Tages (Minuten seit Sitzungsbeginn): durchgehend hohe Variation, kein Einpendeln auf einen Wert.
Mit anderen Worten: Zwei unabhängige Gruppen verhielten sich praktisch gleich. Diese Stabilität ist selbst ein Befund – sie macht das Kernergebnis robuster.
Warum das faszinierend ist
Hinter jeder einzelnen Zahl steckt eine Vermutung darüber, wie die anderen denken. Genau dieses Wechselspiel aus Erwartung und Gegenerwartung ist der Kern der Spieltheorie. Es steckt in Auktionen, an Finanzmärkten, in Verhandlungen und begegnet uns oft im Alltag in ganz normalen Entscheidungssituationen, und eben auch in diesem kleinen Zahlenspiel. Wer Lust bekommen hat, tiefer einzusteigen: Stichworte wie „Level-k-Denken", „Nash-Gleichgewicht" und „Common Knowledge of Rationality" sind ein guter Startpunkt. In unseren Bachelor- und Mastervorlesungen und -seminaren könnt ihr mehr dazu lernen, schaut euch dazu einfach auf unserer Lehrstuhlseite um oder schreibt uns eine E-Mail.
Insbesondere freuen wir uns auch über weitere Anmeldungen für den EconLab-Teilnehmendenpool. Nach der Registrierung unter https://uni-w.de/econlab laden wir euch zu neuen Experimenten ein. Ihr könnt dann jedes Mal neu entscheiden, ob ihr teilnehmt. Für jede Teilnahme erhaltet ihr Geld: mindestens 5,00€ bei Präsenzterminen, mindesten 3,50€ bei Internetexperimenten, sowie abhängig von euren Entscheidungen und denen eurer Mitspielenden weiteres Geld. Eure Daten werden zu keinem anderen Zweck verarbeitet. Weitere Informationen findet ihr auf https://econlab.uni-wuppertal.de.
Euer EconLab Team
